Individualentwicklung – Ontogenese

Die Individualentwicklung des Pferdes beschreibt die Entwicklung vom befruchteten Ei bis zum Tod – quasi den gesamten Lebenszyklus. In diesem Zeitraum findet die Kurzzeitanpassung des einzelnen Pferdes an die individuellen Bedingungen der Umwelt im Laufe des Lebens statt. Neben der körperlichen Entwicklung finden auch das Reifen, die Lernvorgänge statt, die es dem Pferd ermöglichen sich an die jeweils gegebenen Bedingungen anzupassen. Für den Pferdepsychologen ein besonders wichtiger Zeitraum, bei der Betrachtung von Verhaltensstörungen.

Der Abschnitt im Lebenszyklus, welcher die stärkste Änderung des Pferdeverhaltens, der Psyche des Pferdes, mit sich bringt, ist die Entwicklung in der Jugend. In der frühen Entwicklung kommt das Fohlen mit seinen Familienmitgliedern und anderen Artgenossen bspw. der Herde in Kontakt und kann hier Kenntnisse erwerben und Erfahrungen sammeln, was nach dem Herauslösen aus der Familie nicht mehr möglich ist.

Der Nestflüchter, welches das Pferd ist, ist schon nach sehr kurzer Zeit relativ selbstständig und sehr lernfähig. Nach einem Tag kann es sich in allen Gangarten in der Herde bewegen. Kurz nach der Geburt, nach dem Einsetzen des Atmens und der Duschtrennung der Nabelschnur beginnt die Prägung auf die Mutter und die damit auf die Art Pferd. Innerhalb weniger Minuten versucht das Fohlen aufzustehen, was ihm in der Regel spätestens nach 60 min gelingt. In dieser Zeit hat das Fohlen auch schon Durch das Aufnehmen von Reizen durch Sehen und Hören die Orientierung aufgenommen und mit der Eutersuche begonnen. Es lernt das Auffinden der Euters und beginnt durch die angeborenen Saug- und Schluckreflexe meist innerhalb von zwei Stunden mit der Nahrungsaufnahme über das Euter. Innerhalb dieses Zeitraums werden bereits Verhaltensweisen wie Neugierde, Erkundungstrieb, Fellpflegen und Wälzen als Komfortverhalten, sowie Verhalten bei Konflikten (agonistisches Verhalten) und das Spielverhalten sichtbar. Innerhalb der ersten drei Stunden wird Kot (Fohlengold) und Harn abgesetzt. 

Unter den Haltungsbedingungen des Menschen ist die Ontogonese des Pferdes stark vom Menschen abhängig. Somit wirken sich die Haltungsbedingung in der frühen Jugend stark prägend auf zukünftiges Verhalten aus. Gute und schlechte Eindrücke werden gespeichert und bleiben manifestiert. 

Beispielsweise spielt das Absetzen des Fohlens eine psychologisch wichtige Rolle. Beschreitet man hier den “natürlichen” Weg, so wird das Fohlen die Trennung von der Mutter und der Herde ohne Trauma verarbeiten. Kommt die Trennung plötzlich, so kann dies ein sehr tiefgreifendes negatives Erlebnis sein, welches auch schon ursächlich für spätere Verhaltensstörungen gesehen werden kann. 

Im  Allgemeinen sind gerade negative Eindrücke in der Jugend des Pferdes besonders tiefgreifend, so dass es besonders schwierig ist ggf. auch unmöglich ist ein hierdurch begründetes Fehlverhalten unter anderem durch den Pferdepsychologen zu therapieren. Pferde werden im Normalfall nicht verhaltensgestört geboren sondern durch Haltung und/oder Ausbildung bzw. Erziehung dazu gemacht.